Architektur im Kopf

von Matthias Walther

Wien

Wien, die ewige Habsburger Kaisermetropole und ehemaliger Hauptsitz der römisch-deutschen Kaiser, besitzt einige der schönsten Beispiele europäischer Baukunst. Deshalb soll es hier weniger um notwendige Alternativen zu bestehenden Gebäuden gehen, sondern vielmehr um sinngemäß weitergedachte Stadtplanung und um Vervollkommnungen des bereits Vorhandenen.

Wesentliche Bestandteile dieser „Verbesserungen“ beziehen sich auf die bekannte Ringstraße und deren Vollendung. Deren Weiterführung über den Donaukanal bis zur Großen Donau ist genauso ein Anliegen dieser Planungen, wie deren Begleitung durch neue Monumentalbauten. So möchten wir, bei der Hofburg startend, einen gedanklichen Gang entlang der Ringstraße unternehmen, um später auch weitere Veränderungen in Wien und Umgebung zu betrachten. Ausgangspunkt sind einerseits ein städtischer Korrekturplan des Reformers Adolf Loos sowie die Architekturideen eines unbekannteren Zeitgenossen, der sich später deutlich dem Traditionalismus verschrieb: Leopold Bauer.

 

Hofburg und Karlsplatz

Auftakt der Betrachtungen ist aber vorerst ein kurzer Blick auf den Barock mit zwei genialen Projekten: Johann Bernhard Fischer von Erlachs Idealplan eines Lustgebäudes, hier als Alternatividee für das Palais Liechtenstein, sowie eine Darstellung des Treppenhauses der Hofburg nach dem wenig bekannten Plan Balthasar Neumanns, das eine deutliche Steigerung der Würzburger Residenz verkörpert. Für das Kaiserhaus wurde schließlich das bedeutende Dreigestirn des süddeutschen Barocks aktiviert: Fischer von Erlach, Johann Lucas von Hildebrandt und Balthasar Neumann.

Gegen den Uhrzeigersinn beginnt unser geistiger Rundgang: Die Hofburg wird im Sinne eines geschlossenen Forums nach dem Gesamtplan Gottfried Sempers vollendet und durch einen Querflügel mit Kuppelbau überhöht, der Entwürfen Friedrich Ohmanns folgend dargestellt ist. Von der Oper ausgehend wird eine Verbindungsstraße mit Sichtachse zur Karlskirche geschaffen, der Karlsplatz als Park mit Brunnen und einem Caféhaus als geordnete barocke Parkanlage neugestaltet. Eine barocke Gloriette dient als Blickfang an der Ostseite der nun geschlossen wirkenden Parkanlage. Dahinter könnte auch das Stadtmuseum von Otto Wagner noch Platz finden. Am westlich abgegrenzten neuen Kaiser-Elisabeth Platz steht der Neubau der Technischen Hochschule, der Eingang zum Naschmarkt wird repräsentativ gestaltet und der ehemalige Wienfluss von Zierpappeln begleitet.

 

Votivkirche und Vorplatz

Wir folgen kurz dem Opernring stadteinwärts: Die Votivkirche wird mit dem ursprünglich vorgesehenen Vierungsturm versehen, ein nach Vorgaben Camillo Sittes erträumter großer Vorplatz mit Arkadenhäusern entsteht und trennt diesen heiligen Bezirk von der Ringstraße wohltuend ab. Hier würde einer der schönsten Plätze Wiens des 19. Jahrhunderts entstehen. Auch der schöne Rathauspark sollte eine äußere architektonische Fassung bekommen, indem die flachen klassischen Kolonnadenhäuser, die reizvolle Parkanlage umschließend, nach dem Plan Adolf Loos entstünden.

 

Ringstraße mit Stadthafen: Parkring und Stubenring

Gedanklich zurückgekehrt an die Ringstraße zum südöstlichen Parkring, lassen wir vor unserem Auge einen Monumentalplatz mit dem Denkmal Kaiser Franz-Josephs I. vor dem Palais Coburg entstehen, dies folgt wieder einem Plan nach Adolf Loos. Signifikant sind die beiden etwa 38 m hohen Türme, die die Anlage flankieren. Es folgt der Stubenring. Die Anlage eines inneren Stadthafens mit einem gewaltigen Verkehrsministerium und Zollamtsgebäuden mit Bahnanschluss entsteht an Stelle alter Kasernen und Brachen. Demgegenüber entsteht als Pendant ein Alternativentwurf zum Kriegsministerium nach Plänen Leopold Bauers mit 90 Meter hohem Turmbau. Dieser Stadtraum ist gekennzeichnet durch ein Hafenbecken, in das auch der alte Wienfluss mündet. In unmittelbarer Nähe zum alten Donaukanal stellen diese Bauten mitsamt einer Klappzugbrücke den letzten Höhepunkt der Ringstraße dar. Entlang des alten Donaukanals führt der Franz-Josephs Kai mit prachtvoller Ringstraßenarchitektur entlang des Flusses.

 

Leopoldstadt und Große Donau

Die Ringstraße am Stubenring wird aber auch geradewegs als zeitgenössische Monumentalstraße weiter über den Fluss hinweg durch die Josephsstadt geführt, um in zweifachem Knick wieder an den Donaukanal am westlichen Schottenring anzuschließen. Als einziger signifikanter Hochhausbau im 2. Bezirk, der Leopoldstadt, wäre an diesem Leopoldinischen Ring der Standort der Österreich-Ungarischen Nationalbank angemessen, für die es ambitionierte Projekte Bauers für die Alserstraße gab. Die Praterstraße kreuzend wird von dem neuen Leopoldinischen Ring ein Geschäftsboulevard bis zur Großen Donau geführt, die mit einer neuen größeren Hängebrücke (Reichsbrücke) überspannt wird. Dort könnte am gegenüberliegenden Donauufer ein gigantisches Welthandelszentrum mit großem Hafen entstehen, etwa dort wo heute die Donau City, der Donauturm, sowie die UNO-City stehen. Der Turmentwurf des Welthandelszentrums in Form eines Steinbaus mit parabolisch verjüngtem Fortlauf erinnert an einen steinernen Eiffelturm und ist selbst etwa 190 m hoch. Hier mischen sich erneut Ideen Leopold Bauers und Adolf Loos. Weitere Hochhäuser entstehen im Bereich des Josephsstädtischen Rings (Augarten-Ring) bis zum Donaukanal. In sichtbarer Nähe erblicken wir das mögliche größte Hochhaus der Stadt von Leopold Bauer: Der Sanierungsturm mit 116 m Höhe im Mittelhof der alten Rossauer Kaserne.

 

Donaukanal und Immaculata-Kirche

Der Straßenabschnitt der durch die Josephsstadt weiter geleiteten Ringstraße wird mit neuer Brücke in den Schottenring geführt. Dort entsteht ein Vorplatz mit Triumphbogen und Pylontürmen am Donaukanal. In direkter Nachbarschaft am Donau Kai wendet sich unser Blick auf die neue Immaculata-Kirche mit ihrer 85 Meter hohen Kuppel in Art der spätesten Wiener Sezessionsarchitektur. Dem späten Einfall des Architekten Rudolf Weiß folgend, begleitet von einheitlichen Arkadenhäusern, wird hier ein betont großstädtisches Ensemble am Wasser ausgeprägt. Die nachsezessionistische Kirche ist Höhepunkt am inneren Donaukanal nahe des 1. Bezirks.

 

Planungen außerhalb des Zentrums

Unterhalb des Kahlenbergs ist als Gedächtniskirche zu den Türkenschlachten ein Kirchenbau mit vergoldet-durchbrochener Kuppel und 80 m hohen hohem Glockenturm gezeigt, wie dies ähnlich tatsächlich vorgesehen war. Donauaufwärts zeigt ein Plan einen Alternativentwurf der gotischen Kirche des altehrwürdigen Stifts Klosterneuburg, dessen großartiger barocker Ausbau ohnehin rudimentär blieb und hier zumindest noch teilvollendet wird. Ein reizvoller gedanklicher Ausflug zu dem wohl bedeutendsten vergessenen Meisterwerk der Wiener Renaissance soll zum sogenannten Neugebäude unternommen werden, dessen unvollendeter Mittelteil Bestandteil künstlerischer Ausformungen ist. Nicht mehr zum Wiener Einzugsbereich zählt die interessante Wallfahrtskirche (Bergkirche) in Eisenstadt. Von den originellen Plänen ist keiner erhalten geblieben, aber unsere Fantasie führt uns einen barocken Plan eines Zentralbaus mit Axialtürmen vor Augen, der sehr entfernt auch an die Dresdener Frauenkirche erinnert.

 

Der Steffl bleibt wie er ist

Als Abschluss sei noch eine Planung des Stephansdoms mit zwei vollendeten Türmen dargestellt. Es ist die erste Idealplanung Wiens. Entwürfe gingen von einem Nordturm von 140 Meter aus, wichen aber in Planungen auch deutlich ab, mit bis zu 170 Metern, nach neuesten Erkenntnissen. Dennoch wollen wir hier das Kapitel des Ungebauten Wiens abschließen. Der Steffl bleibt uns als einziges markantes Symbol erhalten und der zweite Monsterturm wandert in das Reich der Architektur, die –durchaus glücklicherweise– nicht gebaut wurde.