Architektur im Kopf

von Matthias Walther

 

ÜBER GEBAUTE UND UNGEBAUTE ARCHITEKTUR

 von
Matthias Walther

 

Architektur ist eine Illusion.

Der Architekt ist als Baumeister Konstrukteur, aber auch Illusionär. Herausgefordert Raum zu erschließen, gestalten Architekten den Innen- oder Außenraum als etwas Manipulierbares, dass alle Lebensbereiche, im physischen wie auch psychischen Sinne beeinflusst. Der Stadtraum ist die öffentlichste Form der Raumbildung.

Zum Werk der Architekturgeschichte zählen nicht nur existente Bauwerke, sondern auch Bauten, die es nicht gibt: Gebäude, die es nicht mehr gibt, aber auch nicht ausgeführte Entwürfe. Letztere bedürfen nicht zwingend der Realisierung, sei es, weil sie nicht gebaut werden können oder gar nicht erbaut werden sollen.

Es geht um eine Architektur der Absicht, die sich oft schon relativ konkret in Plänen oder Modellen darstellt.

Das ungeschriebene Buch oder das ungemalte Bild gibt es nicht. Ungebaute Architektur aber gibt es, sie vermittelt uns einen Eindruck darüber, wie der Architekt gebaut hätte. Der gebauten Welt steht eine Ungebaute gegenüber, welche gleichermaßen Bestandteil unserer Kulturgeschichte ist. Die reichhaltige Fülle aller Planungen, Entwürfe und Modelle, die über Jahrhunderte entstanden sind, offenbart uns, dass nur ein Bruchteil davon tatsächlich verwirklicht wurde. Die Welt der Ideen ist weitaus vielschichtiger als die Summe des tatsächlich Realisierten. Mitunter ist die Architektur, die nicht gebaut wurde, auch die bessere.

Es ist das Drama des Baukünstlers, dass sich zwischen erfinderischem Wollen und dem Vollbringen eines Werks feindliche Mächte schieben. Die Architektur ist die abhängigste aller Künste. Sie ist gebunden an Ort und Zweck, die zu berücksichtigen sind, sie wird irritiert durch sich verändernde Vorgaben während der Ausführung, oder durch versiegende finanzielle Mittel. In gewissem Sinne verhält sich das Gebaute zum Ungebauten wie die Wirklichkeit zum Ideal.

„Es gibt auf der Welt kein wahrhaft großes Bauwerk, das nicht Ruine wäre, im einen oder anderen Sinne. Und wenn es scheinbar auch vollendet wurde, so konnte es nie vollendet werden, wie der Baumeister es sich gedacht hatte, tausend Rücksichten verhinderten das“.

Joseph Ponten; aus Architektur die nicht gebaut wurde, DVA 1924