Architektur im Kopf

von Matthias Walther

Berlin

Es ist die Tragik eines Schicksaals, dass das aus einer wendischen Fischersiedlung zu einer mächtigen Millionenstadt und Reichshauptstadt emporgewachsene Berlin dazu verdammt ist immerfort zu werden – und niemals zu sein. (Karl Scheffler, 1919)
Berlin ist Gegenteil städteräumlicher Fixierung.
Berlin ist keine homogene Stadt, sondern ein Ort mit vielen Brüchen.
Die Gestalt Berlins wird –weit mehr als an vergleichbaren Orten– von Komponenten der Zeit bestimmt. Berlin ist nicht langsam gewachsen, es hat sich ständig verwandelt.

Die Stadt erschuf sämtliche Identitätsangebote, von der preußischen  Residenz über die Reichshauptstadt und über den Mythos der zwanziger Jahre, einer dynamischen, schnelllebigen, Metropole, die sich zu einer der führenden Städte der Moderne schlechthin entwickelt hat, bis zur Entwicklung als Vorzeigekapitale kommunistischer Herrschaft.

Hauptstädtisches Planen begann in Berlin mit dem Schloss. Es wurde aber nicht nur als dominantes Einzelgebäude und Gesamtkunstwerk der Stilepochen zum wichtigsten Monument der Stadt, sondern es war die Keimzelle weiterer Entwicklungen, ein Mittelpunkt der Stadtplanung, insbesondere für die barocke Königsstadt westlich der Residenz.
Als Via Triumphalis fungierte die großzügig angelegte, die Friedrichsstadt durchziehende Verbindung zwischen dem Schloss auf der Stadtinsel und dem Brandenburger Stadttor: Die „Straße Unter den Linden“.
Ein Plan des Barock verweist auf ein großes urbanes Gesamtkonzept, in dem wichtige große Neubauten in der Nähe zum Schloss wie der Münzturm und ein Domneubau bereits schon um 1700 angedeutet sind: Es ist ein als Kupferstich von Johannes Broebes überlieferter Idealplan, ein Forum des Staates, wohl erdacht von Andreas Schlüter. Es ist der erste Idealplan der Berliner Geschichte!
Der Geniale Entwurf zur Residenz Berlin bildet so das gleichsam gedankliche Fundament für unzählige Schichtungen der phantastischen, unsichtbaren Stadt.
In Berlin liegt den Planungen zu einem Zentrum der Hohenzollerndynastie der Plan eines Forum zugrunde: Diese Vorhaben gipfelten darin, die wichtigsten Bauten des preußischen Staates in einem Stadtraum gegenüberzustellen und optisch zu vereinen. Neben der im Schlossbau materialisierten königlichen Macht, von der schließlich alle Bautätigkeit in einer Residenzstadt ausgeht, repräsentiert der erst verspätet errichtete große Dom die kirchliche, evangelische Kraft, deren höchster Vertreter wiederum der König selbst war. Hinzu gesellt sich neben Schloss und Kirche das Zeughaus als Zeugnis militärischer Präsenz. Als praktisch vierte Säule des Staates fungiert die zur Weihestätte für Kunst und Wissenschaft avancierte Museumsinsel auf der nördlichen Spreeinsel. Die oftmals propagierte Einheit von Königtum, Kirche und Kunst wurde hier baulich am konsequentesten umgesetzt. Von dieser Grundlage ausgehend werden weitere Ideenprojekte zur Gestalt von Berlin Mitte aufgenommen. Im Anhang befindet sich zu besserer Orientierung ein Stadtplan.